
Wie aus dem echten Leben 😉
„Vor einiger Zeit brauchte ich meine Lesebrille nur morgens. Nach einer halben Stunde ging es wieder ohne. Den Monitor hatte ich auch noch bequem auf 80 Zentimeter Entfernung stehen, alles im grünen Bereich. Doch immer häufiger blieb das Bild unscharf. Bei der Gartenarbeit oder beim Kochen fiel es kaum auf, aber beim Einkaufen, im Hobbykeller und erst recht beim Lesen musste ich ständig die Brille aus der Tasche kramen. Für jemanden, der das nicht gewohnt ist, nervt das gewaltig. Und dann wollte das gute Stück auch noch dauernd geputzt werden, so empfindlich wie es war. Kaum berührt, schon schmierig. Was für eine Diva!
Dazu kam: Sie brauchte ihren eigenen geschützten Raum, außen hart, innen schön weich gepolstert. Die Nasenfahrrad-Garage musste also immer mit ins Gepäck. Und was macht man im Sommer? Da gab es plötzlich harte Konkurrenz durch die Sonnenbrille, also mussten beide mit. Dazu natürlich noch die Brille fürs Autofahren. Drei Sehhilfen, die sich offenbar gegen mein Nervenkostüm verschworen hatten und im täglichen Zermürbungskrieg nagende Fortschritte machten.
Die Lesebrille war dabei eindeutig die Anführerin der Bande. Meist thronte sie auf meinem Kopf, während ich in sämtlichen Taschen wühlte wie bei einer Schnitzeljagd ohne Belohnung. Sie rutschte von der Nase, sobald ich mich bückte, beschlug über dem Kaffee und hinterließ zwei rote Druckstellen, als wollte sie ihr Revier markieren. Die Sonnenbrille war die Diplomatin, freundlich im Auftreten, aber mit klarer Agenda. Sobald die Sonne hinter den Wolken hervorlugte, verlangte sie ihren Auftritt, doch durch sie ließ sich kein Kassenbon entziffern. Also musste die Lesebrille zusätzlich mit, und ich war im Sommer ein wandelndes Brillenetui.
Und dann war da noch die Autobrille, die stille Strategin. Sie versteckte sich im Handschuhfach unter alten Parkscheinen oder blieb gleich auf dem Küchentisch liegen. Zurück in die Wohnung, Brille geschnappt, fünf Minuten Verspätung und das Gefühl, von der eigenen Brille ausgetrickst worden zu sein. Der Tiefpunkt kam an einem Samstagmorgen, als ich zwanzig Minuten lang alle drei Brillen suchte und am Ende mit leeren Händen und zusammengekniffenen Augen vor der Haustür stand. Zwischen Wut und Kopfschütteln reifte der Entschluss, der zwei der drei Streithähne arbeitslos machen sollte. Die Sonnenbrille durfte bleiben, allerdings künftig ohne Konkurrenz.“